25.03.2006
»Häusliche Gewalt« immer noch tabu
Kriminalitätsstatistik: Bürger in Appenweier und Rheinau dürfen sich relativ sicher fühlen
 

Im Kehler Umland gibt’s wenig Kriminalität. »Häusliche Gewalt« ist jedoch offenbar immer noch ein Tabu-Thema. Dies lässt die Kriminalitätsstatistik vermuten.

Von: Michael Mülller

Rheinau/Appenweier. Die Bürger in Appenweier und Rheinau können sich nach wie vor relativ sicher fühlen. Dies zeigt die Kriminalstatistik 2005, die gestern in Kehl der Presse vorgestellt wurden.

Erfreulich die insgesamt recht hohe Aufklärungsquote. Auffällig hoch mit über 72 Prozent ist sie in Appenweier. Dies liegt jedoch an einem ganz spezifischen Grund, erläuterte stellvertretender Revierleiter, Markus Braun: Ein Großteil der in Appenweier registrierten Straftaten sind Verstöße gegen Vorschriften des Ausländerrechts – etwa dass Menschen ohne gültigen Pass aufgegriffen werden oder keine gültige Aufenthaltserlaubnis besitzen. Viele dieser Menschen werden im Zug von Kehl nach Appenweier aufgegriffen – und als Tatort wird dann der nächste Bahnhof definiert. Und das ist nun mal Appenweier. Auch am Autobahn-Rasthof Renchtal wird in dieser Hinsicht viel kontrolliert. Für das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger seien diese Fälle jedoch ohne Belang.

Dieses Spezifikum erklärt auch einen anderen Aspekt der Appenweierer Statistik: den hohen Anteil von Ausländern an den registrierten Straftätern. Schaut man aber mal genauer hin, bleibt von dem gern kolportierten Vorurteil, Ausländer seien krimineller als Deutsche, nicht viel übrig: Fast drei Viertel aller ausländischen Straftäter werden in Zusammenhang mit Verstößen gegen das Ausländerrecht registriert.

Auffälligste Veränderung in Rheinau ist der Anstieg der Fälle von schwerem Diebstahl – von 90 im Jahr 2004 auf 106 im Vorjahr. Hauptverantwortlich hierfür ist die steigende Zahl von Pkw-Aufbrüchen am Pendler-Parkplatz am Grenzübergang. Ein Anstieg der Zahl der Wohnungseinbrüche sei nicht zu verzeichnen.

»Hol-Kriminalität«
Verstöße gegen das Ausländerrecht sind ein klassischer Fall von »Hol-Kriminalität«: Hat man das Delikt, hat man oft auch den Delinquenten dazu – und wenn verstärkt kontrolliert wird, steigt auch die Zahl der registrierten Straftaten. Gleiches gilt für die Rauschgift-Kriminalität: Hier ist die Zahl der registrierten Fälle im Vergleich zu 2004 durch die Bank gestiegen – in Appenweier von 63 auf 102, in Rheinau von 12 auf 43. »Wir hellen das Dunkelfeld immer mehr auf«, glaubt Braun. Im Übrigen handele es sich in den meisten Fällen um das »Kiffen« von Cannabis – eine »offene Drogenszene« gebe es selbst in Kehl nicht, so Revierleiter Jürgen Neff.

Gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen. Einen Trend will Braun daraus jedoch noch nicht ablesen: »Ein Jugendlicher, der einem anderen einmal eine runterhaut, ist noch nicht kriminell.« Im Übrigen, betont Neff, tut die Polizei auch im Umland viel in Sachen Vorbeugung, etwa in Form des Projekts »Strafrecht an Schulen«, das sich vor allem an noch nicht strafmündige Kinder wendet.

Ein besonderer Fall ist der Bereich »Häusliche Gewalt«. In Kehl ist die Zahl der registrierten Fälle gestiegen, in Appenweier und Rheinau dagegen gleich geblieben. Hier vermutet die Polizei eine hohe Dunkelziffer: Frauen schämen sich, zur Polizei zu gehen, und die Nachbarn hören’s zwar, wenn sich ein Paar streitet, aber sie melden es oft nicht. Fazit, so Neff: Je ländlicher eine Gemeinde strukturiert ist, desto mehr wird der Ball in diesem Bereich »flach gehalten«.


zurück