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Sarah Schiffling über Amerikaner und ihre Religionen,
geistige Fitness und musikalische Erfolge
Das Austauschjahr, das Sarah Schiffling im kalifornischen Valley Center
verbringt, neigt sich dem Ende zu. In loser Folge hat die Appenweiererin
über ihre Erfahrungen berichtet. Dieses Mal erzählt sie von Erfolgen mit der
Akademischen Liga und ihrer Kapelle und Gottesdiensten.
Von: Sarah Schiffling
Valley Center/Appenweier. Bei 35 Grad C im Schatten fällt es schwer, sich
einen kalifornischen Sommertag vorzustellen, denn was momentan hier
herrscht, wird noch als Frühling bezeichnet. Nachmittags blinzle ich vom
Sportplatz unserer Schule in die Sonne, wo ich meiner Gastschwester beim
Leichtathletiktraining zuschaue. Mir könnte kaum einfallen, bei der Hitze
Sport zu betreiben, das hat schon unter kühleren Bedingungen absoluten
Seltenheitswert. Den echt amerikanischen Teamgeist, habe ich jedoch trotzdem
erleben dürfen. Das Geheimnis nennt sich »Akademische Liga« und ist der
perfekte Sport für Bewegungsmuffel. Was wir bewegen sind hauptsächlich die
Hände. Zwei Schulen treten gegeneinander an in einem Wettkampf, der an eine
TV-Ratesendung erinnert. Millionäre werden wir leider nicht, aber dafür
haben wir drei Mädchen und fünf Jungen eine ganze Menge Spaß.
Die Fragen, mit denen wir auf die Probe gestellt werden, kommen aus allen
Wissensbereichen: Aktuelles, Geschichte, Naturwissenschaften, Fremdsprachen.
Mit letzteren hatte ich die größten Erfolge. Einmal führte ich unsere
»Dorfschule« gegen ein eingebildetes Team des gehobenen Geldbeutels, zum
Sieg, als ich eine fehlerlose Übersetzung ins Deutsche lieferte. Wir gehören
nicht unbedingt zu den Stärksten der Liga, aber selbst wenn wir gar keine
Ahnung haben, sorgen wir doch bei Spielern, Schiedrichtern und Publikum für
Lacher.
Während sich mein Austauschjahr langsam dem Ende zuneigt, versuche ich mit
meiner Familie noch so viele Attraktionen wie möglich zu sehen – so fuhren
wir nach San Francisco, die Stadt des Nebels im Norden. Zwei Tage vergnügte
ich mich mit den historischen Straßenbahnen, den Cable Cars, und bestaunte
Sehenswürdigkeiten wie die »Golden Gate«-Brücke und die »Fisherman’s Werft«.
Einen Ausflug in die ältere kalifornische Geschichte brachte der Besuch
einer spanischen Missionsstation von 1778 mit malerischen Gebäuden und
blühenden Gärten. Allerdings zeigte ich mich nicht so beeindruckt vom
Altertum wie meine amerikansiche Familie, was sich eventuell dadurch
entschuldigen lässt, dass meine Schule schon gegründet wurde, als in Amerika
noch gar nicht gedacht wurde. Unvermeidlich im Goldenen Staat kamen wir
durch Orte wie Santa Monica, Santa Barbara und Malibu, die unweigerlich
Assoziationen mit braun gebrannten Wellenreitern, athletischen
Rettungsschwimmern, Strandpartys hervorrufen. Zurück im Süden ging’s nach
Los Angeles, genauer gesagt nach Anaheim, der Heimat von Mickey Mouse .
Trotz Achterbahnen und zahlreichen Aufführungen, musste ich jedoch auf eine
Karte, die mir deutsche Freundinnen aus dem Europapark schickten, antworten,
dass ich noch keinen amerikanischen Gegenwert gefunden hatte.
Das änderte sich allerdings, als ich mit meiner Musikkapelle in einem
anderen Freizeitpark war. Freilich war unser Hauptzweck dort nicht,
Achterbahn zu fahren, wir spielten für die Wertungsrichter, die uns mit
einer ganzen Reihe anderer Gruppen verglichen. Und während sie die
Auswertung vornahmen, vergnügten wir uns auf den diversen Fahrten. Bei der
Preisverleihung habe ich vor lauter Jubeln meine Stimme verloren, aber das
war auch das Einzige, was wir verloren haben. Die Gesangs- und
Instrumentalgruppen aus Valley Center räumten sämtliche ersten Preise ab und
fuhren mit acht Pokalen nach Hause. Die Freude war groß, der Siegesgesang
wollte bis zum Parkplatz unserer Schule nicht aufhören.
Mit Ausschlafen am nächsten Morgen war jedoch nicht zu rechnen: Sonntags ist
seit nunmehr acht Monaten Gottesdienst angesagt. Religion hat für viele
Amerikaner einen höheren Stellenwert als für die meisten Deutschen. Meine
Familie gehört der Kirche Jesus Christus der Heiligen der Letzten Tage an,
im Allgemeinen als Mormonen bekannt. Neben täglichem Gebet und Bibellesungen
gehen wir eben jeden Sonntag zur Kirche. Da ich von mir nicht behaupten
kann, dass ich sonderlich oft in einem Gottesdienst angetroffen werden kann,
war das für mich zunächst eine große Umstellung. Mittlerweile genieße ich
jedoch jede Stunde.
Was mir an mormonischen Gottesdiensten wirklich gefällt, ist, dass nicht nur
einer predigt, sondern es jedes Mal unterschiedliche Sprecher gibt. Ich
glaube bei weitem nicht an alles, was ich zu hören bekomme, beispielsweise
bin ich felsenfest von der Richtigkeit der Evolutionstheorie überzeugt und
in dieser Kirche wird Kreationismus gelehrt, aber viele Vorurteile, die ich
vor meiner Abreise hörte, erwiesen sich als falsch. Der Vorwurf der
Vielweiberei hält sich hartnäckig, was Mormonen angeht, aber das wurde schon
vor einer langen Zeit abgeschafft. Was in Deutschland viele von dieser
Kirche sehen, sind die Missionare, junge Männer in weißen Hemden, die von
Tür zu Tür gehen.
Einer meiner Gastbrüder ist gerade auf Mission und ich kenne einige
Missionare persönlich. Durch diese Erfahrungen wurde mir das etwas weniger
suspekt und ich habe gelernt, dass man gar nicht unbedingt bekehrt werden
soll, sondern dass die Missionare hauptsächlich anderen helfen sollen, auch
wenn sie nicht Mitglieder sind.
Im allgemeinen ist Amerika viel toleranter, was unterschiedliche Religionen
angeht. Es gibt aber auch so viele verschiedene Gruppierungen: In einer
meiner Schulklassen hat von 25 Schülern keiner die selbe Religion. |