Die Kinder hatten ihr Herz getroffen
 

In den 90er-Jahren gründete Evelin Wollny-Ulrich einen Verein, der ein Waisenhaus unterstützt

Bei der Frühjahrssitzung der Appenweierer Vereine stellte Evelin Wollny-Ulrich ihren Verein »Waisenhaus Lastoschka e. V.« vor, der Tbc-kranken Kindern in der Ukraine hilft.

Von: keh

Appenweier. Der Winter 1996/97 war kalt, in der Ukraine minus 20 Grad keine Seltenheit. In jenem Winter erreichte Evelin Wollny-Ulrich in ihrem Büro in Odessa der Anruf eines Ministerialdirigenten, zuständig für Soziales. Er erzählte ihr von 60 Kindern, die ohne Schals, Mützen, Strümpfe und Handschuhe in einem ungeheizten Haus am Stadtrand von Odessa leben. Und bat sie, etwas zu tun.
»Das ist ungewöhnlich. In der Ukraine sind offizielle Stellen eher bemüht, etwas unter den Tisch zu kehren, als um Hilfe zu bitten«, sagt Wollny-Ulrich die von 1993 bis 2001 in der Ukraine war, um ein Lehrerentsendeprogramm aufzubauen.
Verschimmelte Wände
In jenem Winter nahm sie sich einen Dolmetscher und fuhr zum Waisenhaus »Lastoschka« am Stadtrand. Was sie dort sah, ist unvorstellbar. »Mir hat es fast die Schuhe ausgezogen«, erinnert sich die Appenweiererin noch heute an Räume, in denen sie über den desolaten Holzboden stolperte, in denen der Wind durch die Fenster pfiff und Türen zuknallen ließ. Klapprige Stühle, Bänke, Tische und verschimmelte Wände. Katastrophal waren auch die hygienischen Zustände: »Die Kinder leiden an geschlossener Tbc und Schäden an Leber, Herz und Nieren. Sie sind in der Regel Bettnässer. Seife ist Mangelware, nur drei Kinder hatten damals überhaupt eine Zahnbürste«, so Wollny-Ullrich, die »die Kinder tief im Herzen getroffen haben«.
Sie fuhr zurück nach Odessa, kaufte alles an Schals, Handschuhen, Mützen, Strümpfen und Unterwäsche, was sie kurzer Hand kriegen konnte. »Doch das war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein«, wusste sie und informierte daher deutsche Unternehmer, die sie damals regelmäßig am deutschsprachigen Stammtisch in der Ukraine getroffen hatte. Gemeinsam brachte man so viel Geld auf, um das Notwendigste für die Kinder zu besorgen.
»Um für die Spenden eine legale Grundlage zu schaffen, wurde der Verein ‘Waisenhaus Lastoschka e. V.’ gegründet«, so Wollny-Ulrich. Der nur elf Mitglieder zählende Verein hat seit 1998 fast 29 000 Euro gesammelt. »Für einen kleinen Verein eine Menge Geld«, freut sich die Appenweiererin. Mit Spenden aus Deutschland und anderen Ländern wurden die schimmeligen Räume und das undichte Dach renoviert, ebenso Heizung, Fußboden und die sanitären Anlagen. Schlaf- und Tagesraum wurden vergrößert, ein Spielplatz errichtet. »Dank eines Hilfstransports von Appenweier nach Odessa erhielten die Kinder 1998 neue Betten und Matratzen, Kleider, Schuhe und Handtücher«, verwies Wollny-Ulrich aber darauf, dass Geldspenden effektiver als Sachspenden sind: »Ich möchte die Spendengelder nicht dazu verwenden, den ukrainischen Zoll zu bestechen.«
Im Waisenhaus wurde viel getan, um grundsätzliche Dinge zu verbessern, trotzdem wird auch weiterhin Geld für die Kinder in Odessa benötigt – zum einen, um die laufenden Kosten im Haus zu bestreiten, zum anderen sind die Lebensbedinungen immer noch schlecht: Pro Kind steht täglich nur ein Euro für Essen, Kleidung und Hygiene zur Verfügung. Demenstsprechend unzureichend ist die Ernährung. Der Tagesablauf der Kinder ist eintönig, sie sind meist im Freien, bei schlechter Witterung beengt in einem Raum. Es fehlt an Schreib- und Spielzeug. Außerdem können die Kinder nicht lesen und schreiben. »Für sie gibt es keine Lehrer und Schulen«, so Wollny-Ulrich.

Hintergrund:
Zu Deutsch heißt »Lastoschka« die Seeschwalbe. »Lastoschka« ist aber auch der Name für ein Waisenhaus mit einer Krankenstation für Tbc-kranke Kinder, das am Stadtrand von Odessa (Ukraine) liegt. Zurzeit leben dort 72 Kinder im Alter von fünf bis 16 Jahren. Um das Heim zu unterstützen, gründete Evelin Wollny-Ulrich 1998 den Verein »Lastoschka e. V.«. Seither haben viele Spenden aus Deutschland und anderen Ländern geholfen, die Lebensbedinungen der Kinder zu verbessern.
Weitere Informationen und Kontakt: Dr. Evelin Wollny-Ulrich, Zimmerer Straße 5, 77767 Appenweier. Spendenkonto: »Waisenhaus Lastoschka e. V.« Sparkasse Offenburg-Ortenau, BLZ 664 500 50, Kto-Nr. 77 64 71. keh


Presseartikel vom 18.05.2004, erschienen in der Acher-Rench-Zeitung


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